Stell dir vor, du lernst eine neue Sprache und musst nicht mehr jedes einzelne Verb mühsam auswendig pauken. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Im Hebräischen ist genau das unser Geheimnis!
Normalerweise lernen wir Verben über den Infinitiv (die Grundform). Im Deutschen lernst du „schreiben“, dann „diktieren“, dann „korrespondieren“. Drei Wörter, drei völlig verschiedene Baustellen. Das kostet Zeit und Nerven. Obwohl diese Verben inhaltlich alle mit „Schreiben“ zu tun haben, sehen sie sich absolut nicht ähnlich.
Im Ivrit ist das viel einfacher: Da haben alle Verben, die zur selben Bedeutungsgruppe gehören, die gleichen Buchstaben als Kern. Aber wie funktioniert das?
Jedes hebräische Verb basiert auf einem Kern aus meist drei Konsonanten – unserer Wurzel (Schoresch). Jede Wurzel trägt eine Grundbedeutung. Es gibt eine Wurzel für „Irgendwas mit Lernen“, eine für „alles, was mit Gehen zu tun hat“ und so weiter.
Diese Wurzel ist kein fertiges Verb, sondern eine reine Idee, ein Konzept.
„Alles, was mit Lernen zu tun hat“ – das kann „lernen“ sein, aber auch „lehren“, „unterrichten“, „in die Lehre gehen“ oder „beibringen“. Im Deutschen müsste man viele verschiedene Wörter lernen. Eine Wurzel kann man nicht richtig aussprechen, es sind nur drei Konsonanten. Das sind praktisch drei „Hinweise“ wie bei einer Schnitzeljagd. Diese drei Hinweisschilder sagen uns: „Hallo, ich bin die Wurzel für die Büffel-Fraktion. Mach mich bitte zu einem konkreten Verb.“
Aus einer Wurzel kann man Verben machen, aber auch Adjektive und Nomen. Wir kümmern uns nun erst einmal darum, aus einer Wurzel ein Verb zu bauen.
Mithilfe von sieben „Schablonen“ (man nennt sie Binyanim) wird diese Wurzel nun verarbeitet. Jede Schablone erzeugt dabei ein Verb mit einer ganz bestimmten Funktion. Jede Schablone hat diese drei Wurzelbuchstaben an die entsprechenden Plätze gesetzt und spuckt – wie durch Zauberhand – ein Verb in der Er-Form der Vergangenheit aus. Wie das genau funktioniert, erkläre ich auf der nächsten Seite. Die 7 Schablonen werden Dir unten im Bild erklärt.
Hier wird nicht selbst gehandelt, sondern es „geschieht“ etwas mit jemandem (Passiv).
Nif'al (נִפְעַל) – Die Echo-Schablone: Das passive Gegenstück zu Pa'al. Es beschreibt, dass etwas geschieht oder man in einen Zustand gerät.
Beispiel: „Ich schreibe einen Brief“ im Pa'al wird zu „Ein Brief wird geschrieben“ im Nif'al. Manchmal auch ein gegenseitiges Geschehen wie „sich treffen“ (nifgasch).
Pu'al (פֻּעַל) – Das harte Passiv zu Pi'el: Wenn in der Pi'el-Etage intensiv gehandelt wird, wird hier das Ergebnis „erlitten“.
Beispiel: Wenn Pi'el „unterrichten“ ist, bedeutet Pu'al „unterrichtet werden“.
Huf'al (הֻפְעַל) – Das Echo des Veranlassers: Das Passiv zu Hif'il. Etwas wurde veranlasst.
Beispiel: „Diktieren“ (Hif'il) wird hier zu „diktiert werden“. Der Brief wird diktiert.
Hier geht es um ein Miteinander oder um sich selbst.
Hitpa'el (הִתְפַּעֵל) – Die Spiegel-Schablone: Hier tut man etwas mit sich selbst oder es findet ein Austausch statt.
Beispiele: „Sich waschen“ (hitrachetz), „sich anziehen“ (hitlabesch) oder ein Austausch wie „korrespondieren“ (hitkatev – sich gegenseitig schreiben).
Hier wird gehandelt. Jemand tut etwas aktiv.
Pa'al (פָּעַל) – Das einfache Tun: Die Basis-Schablone. Jemand macht etwas selbst, und es ist meist niemand anderes beteiligt.
Beispiele: essen, gehen, schlafen, schreiben.
Pi'el (פִּעֵל) – Der Turbo: Hier wird es intensiv. Während Pa'al oft nur eine einfache Handlung beschreibt, legt Pi'el den 6. Gang ein. Oft brauchen wir im Deutschen hier eine Vorsilbe.
Beispiele: Aus „brechen“ (Pa'al) wird im Pi'el ein „zertrümmern“. Auch „bezahlen“ oder „beschreiben“ sind im Pi'el zu finden.
Hif'il (הִפְעִיל) – Der Veranlasser: Hier ist man der Chef. Man bringt jemand anderen dazu, etwas zu tun (Kausalform).
Beispiel: Diktieren. Ich schreibe nicht selbst, sondern veranlasse, dass jemand anderes schreibt.