Vor tausenden Jahren, im biblischen Hebräisch, gab es eigentlich keine echten Zeiten wie heute. Es gab nur zwei Zustände: Eine Form für „alles, was passiert und abgeschlossen ist“. Und eine Form für „alles, was noch im Fluss und nicht abgeschlossen ist“.
Als das Hebräische vor gut 130 Jahren als moderne Alltagssprache „neu erfunden“ wurde, stand man vor einem Problem: Man nahm die abgeschlossene Form für die Vergangenheit und die unabgeschlossene Form für die Zukunft. Was völlig fehlte, war eine echte Zeitform für die Gegenwart.
Da es aber für die anderen Zeiten schon jede Menge Präfixe und Suffixe gab, dachte man sich: „Noch mehr Vor- und Nachanhängsel erzeugen nur ellenlange, schwer verständliche Monster-Verben. Wir machen es uns einfach und nehmen das, was wir schon im Werkzeugkasten haben!“
Die geniale Rettung: Das Partizip!
Ein Partizip ist eine Verbform, die sich tarnt und wie ein „Wie-Wort“ genutzt wird – also wie ein Adjektiv. Wir kennen das im Deutschen auch, nutzen es nur selten: Ich bin gehend, ich bin weinend, ich bin schreibend. Man fragt danach: „Wie bist du gerade?“ – „Ich bin schreibend.“ Das ist das Partizip Präsens. Schreibend, lesend, usw. Und genau dieses Partizip Präsenss werden wir für die Gegenwartsform brauchen!
Ein echtes Adjektiv beschreibt ein Nomen: Wie ist der Ball? Rund. Und genau so, wie rund ein Eigenschaftswort ist, wird unser Verb in der Gegenwart zu einer Art Eigenschaftswort (Adjektiv). Wir nennen sie ab jetzt ganz einfach: Die „Wie-Form“.
Adjektive (Wie-Wörter) passt man im Hebräischen immer an das Geschlecht und die Zahl der Personen an. Schauen wir uns das am Beispiel für das Wort „groß“ (גדול – gadol) an:
Der Junge ist groß: Junge ist männlich, Einzahl: HaJeled gadol (הילד גדול)
Das Mädchen ist groß: Mädchen ist weiblich, Einzahl: HaJalda gdola (הילדה גדולה)
Aus gadol wird gdola - und Jeled wird Jalda
Die Jungs sind groß: Jungs sind männlich, Mehrzahl: HaJeladim gdolim (הילדים גדולים)
Aus gadol wird gdolim - Jeled wird Jeladim
Die Mädchen sind groß: Mädchen sind weiblich, Mehrzahl: HaJeladot gdolot (הילדות גדולות)
Aus gadol wird gdolot - Jalda wird zu Jeladot
Merk dir einfach: Das Adjektiv UND das Nomen treten immer als festes Team auf. Sie verändern gemeinsam ihre Hecks, je nachdem, wer gemeint ist und wie viele es sind. Das ganze Schiff passt sich dem Wind an! Und genau dieses Teamspiel macht unser „Wie-Verb“ jetzt auch.
Wer im Hebräischen ein Adjektiv verändern kann, der kann automatisch auch schon alle Verben in der Gegenwart konjugieren. Diese Endungen gelten als Universalschablone für das Heck:
Männlich Einzahl: Keine Endung. Die pure Gussform.
Weiblich Einzahl: Endet auf ת- (-et oder -at) und manchmal auf ה- (-a). Das „H“ (ה) wird nicht als "h", sondern als "a-Laut" gesprochen.
Männlich Mehrzahl: Endet immer auf ִים- (-im).
Weiblich Mehrzahl: Endet immer auf וֹת- (-ot).
Im Pa'al gilt: Zwischen den 1. und 2. Wurzelkonsonanten setzt Du ein ו (Vav), welches das „o“ darstellt. Und ganz hinten dran kommen die Anhängsel.
Wir nehmen unsere bekannte Wurzel für „schreiben“ und jagen sie durch das Adjektiv-Raster der Gegenwart. Wortwörtlich sagen wir ab jetzt nicht mehr „ich schreibe“, sondern „ich bin schreibend“:
Der Junge schreibt (männlich, Einzahl): kotev (vokalisiert: כּוֹתֵב / alläglich: כותב) – HaJeled kotev (Wortwörtlich: Der Junge ist schreibend).
Das Mädchen schreibt (weiblich, Einzahl): kotevET (vokalisiert: כּוֹתֶבֶת / alltäglich: כותבת) – HaJalda kotevet (Das Mädchen ist schreibend).
Die Jungs schreiben (männlich, Mehrzahl): kotvIM (vokalisiert: כּוֹתְבִים / alltäglich: כותבים) – HaJeladim kotvim.
Die Mädchen schreiben (weiblich, Mehrzahl): kotvOT (vokalisiert: כּוֹתְבוֹת / alltäglich: כותבות) – HaJeladot kotvot.
Da das Hebräische im Alltag überhaupt kein Wort für „sein“ (bin, bist, ist, sind) in der Gegenwart benutzt, heißt es im Satz eigentlich noch viel einfacher und ganz wortwörtlich übersetzt: Der (Ha) Junge (Jeled) schreibend (kotev). Mehr Bauteile brauchst du nicht!
Die Endungen -t (bzw. -et / -at) oder -a, -im und -ot gelten als Universalschablonen für alle Binyanim. Jede Schablone hat ihr ganz eigenes „Wie-Verb“ der Gegenwart.
In der Grafik siehst Du genau, wie das Wie-Verb im Pa'al gebildet wird: Alles, was schwarz gefärbt ist, bleibt stehen. Nur Deine Wurzelbuchstaben tauschst Du aus. Fertig ist die Gussform!
Zu guter Letzt setzt man, wie wir das auch im Deutschen kennen, einfach das Personalpronomen vor unsere Wie-Form – und fertig ist der Lack!
Probieren wir es direkt mal in der Praxis aus: Unsere Wurzel für alles, was mit Lernen zu tun hat, ist ל-מ-ד (L-M-D). Wir stanzen sie genau nach dem Bauplan aus in die Pa'al-Schablone:
Ich (Laura) lerne Hebräisch: Ani LoMeDet Ivrit.
אני לומדת עברית
Ich (Micha) lerne Hebräisch: Ani LoMeD Ivrit.
אני לומד עברית
Wir (Männer und Frauen) lernen Hebräisch: Anachnu LoMDim ivrit.
אנחנו לומדים עברית
Wir (ausschließlich Männer) lernen Hebräisch: Anachnu LoMDim ivrit.
אנחנו לומדים עברית
Wir (ausschließlich Frauen) lernen Hebräisch: Anachnu LoMDot ivrit.
אנחנו לומדות עברית
Schau dir die unvokalisierte Schreibweise oben genau an. Da wir im alltäglichen Hebräisch meistens ohne Vokalpunkte (Nikud) arbeiten, dient uns das ו (Vav) im Wort לומד und לומדת als perfekter, unübersehbarer Wegweiser für den O-Laut. Du siehst das Vav, hörst das „O“ im Geist – und steuerst dein Sprachschiff absolut zielsicher durch den Satz!
Du erkennst unsere 3 Wurzelkonsonanten und das Personalpronomen am Anfang. Und dass "Hebräisch" auf Hebräisch עברית geschrieben wird, das weißt Du ja schon.
Wie in jeder Sprache muss es Ausnahmen von der Regel geben. Das macht man entweder, um uns zu ärgern, oder um – wie ich stark vermute – Zungenbrecher zu vermeiden. Bestimmte Buchstaben haben nämlich die Angewohnheit, im Zusammentreffen mit den „normalen Regeln“ eine heftige Zungenakrobatik auszulösen.
Erinnerst du dich an unsere Ur-Schablone mit ihren drei Platzhaltern פ - ע - ל (P-'-L)? Der dritte Platzhalter in dieser Reihe ist das ל (Lamed). Wenn wir nun irgendeine andere Wurzel nehmen, tauschen wir deren dritten Buchstaben mit dieser „Lamed-Stelle“ aus. In unserem Fall ist der dritte Konsonant ein ה. Also ist an der dritten Stelle (der Lamed-Stelle) das ה zu finden. Daher nennt man sie nicht "Dritte-Stelle-ה-Verben", sondern einfach "Lamed ה " oder abgekürzt: ל''ה
Und genau hier an der dritten Lamed-Stelle macht das ה uns ein dickes Problem, denn man kann das H am Ende eines Wortes irgendwie nur hauchen und kaum vernünftig aussprechen.
Die Erfinder der Sprache waren aber clever: Sie funktionierten das ה kurzerhand um und nutzten es als reinen Vokal! Als stolzes Mitglied der AHOI-Crew kann das ה am Wortende nämlich wunderbar ein „A“ oder ein „E“ darstellen. Und genau das machen Lamed-ה-Verben in der Gegenwart. Schau dir in der Grafik an, wie sich das bockige ה verhält, wenn wir die Wurzel ק-נ-ה (kaufen) in die Gegenwart gießen:
In der Einzahl (männlich) wird hinten ein „e“ gesprochen: konE (קונה) – Das ה ist stumm und tarnt sich als E-Laut!
In der Einzahl (weiblich) wird hinten ein „a“ gesprochen: koNA (קונה) – Das ה bleibt stumm und wird als A-Laut gesprochen!
Achtung beim Lesen im Alltag: In der unvokalisierten Alltagsschrift sehen die männliche Form (קונה) und die weibliche Form (קונה) auf dem Papier exakt identisch aus! Ob es kone oder kona heißt, verrät dir im Satz ganz entspannt das Personalpronomen (ani, ata, at) davor.
Und in der Mehrzahl? Da schmeißt die Gussform das bockige ה einfach komplett über Bord (wie du an den leeren, weißen Kreisen auf Platz 3 in der Grafik sehen kannst)! Das He verschwindet und die Universal-Anhänger -im und -ot werden direkt an den zweiten Wurzelkonsonanten geschmiedet:
Mehrzahl männlich: konIM (קונים)
Mehrzahl weiblich: konOT (קנות)
Fertig ist die Laube! Keine Zungenakrobatik, sondern ein sauber aufgeräumtes Heck.
Apropos: Das Lamed-ה-Muster gilt als Universalgesetz für ALLE Schablonen (Binyanim)!
Das ist die beste Nachricht des Tages: Du musst dieses Verschwinden des ה nicht für jeden Raum neu lernen. Egal ob im Pi'el, Hif'il oder Hitpa'el – sobald eine Wurzel ein ה am Ende hat, gilt in der Gegenwart immer dieselbe Heck-Mechanik:
In der Einzahl hörst du am Ende das -e (m.) oder -a (f.).
In der Mehrzahl fliegt das ה gnadenlos über Bord und macht Platz für die Universal-Bauteile -im und -ot.
Gleich nach den Lamed-ה-Verben kommt die zweite Gruppe, die uns auf dem Papier erst einmal seltsam vorkommt, in der Praxis aber ein echter Segen ist. Es handelt sich um Wurzeln, bei denen an der mittleren Stelle (der Ajin-Stelle) entweder ein ו (Vav) oder ein י (Jod) sitzt. Also nennt man sie auch ע''ו / ע''י Verben - an der mittleren Ayin-Stelle sitzt ein Yod / Vav.
In der Werkstatt nennen wir diese Gruppe ganz entspannt „Die hohlen Verben“. Warum? Weil ihr mittlerer Buchstabe in der Gegenwart wie durch Zauberei einfach wegschmilzt! Er entfällt auf dem Papier komplett. Es entsteht ein Loch.
Damit du hier auf hoher See nie ins Straucheln gerätst, zücken wir einfach wieder einen goldenen Werkstatt-Merksatz 2:
„Ist der Zweite Vav und Yud, wirf sie weg und dann is' gut!“
Genau das machen wir! In der Gegenwart schmilzt das mittlere Vav oder Jod einfach komplett weg, wodurch die Verben im Alltag extrem kurz, knackig und super leicht zu sprechen sind. Schau dir in der Grafik an, wie sich die Gussform verhält, wenn wir die Wurzel ג-ו-ר (G-V-R, wohnen) in die Gegenwart gießen. Das mittlere ו (Vav) packt seine Koffer und hinterlässt in der Grafik eine leere, weiße Lücke auf Platz 2. Die bleibt auch leer. Daher nennt man sie "hohle Verben".Das War es. Anhängsel hinten dran.
Männlich Einzahl: Mitte weg, keine Endung. Übrig bleibt ein ultrakurzes Wort mit einem fetten A-Laut in der Mitte:
גָּר - gar (er wohnt)
Weiblich Einzahl: Mitte weg, aber am Heck wird unser versprochenes ה drangeschraubt:
גָּרָה - garA (sie wohnt) — Das ה erzeugt am Ende den typischen A-Heck-Sound!
Männlich Mehrzahl: Mitte weg, das Universal-Heck ים zieht ein:
גָּרִים - garIM (sie wohnen)
Weiblich Mehrzahl: Mitte weg, das Universal-Heck ות zieht ein:
גָּרוֹת - garOT (sie wohnen)