Schau dir noch mal das Pa'al an: Ani kotev michtav.„Ich schreibe einen Brief.“ Hier sind wir die "Bestimmer und Macher". Wir sind aktiv und der arme Brief muss alles über sich ergehen lassen (eine Tüte Mitleid bitte!). Das Nif'al betrachtet die andere Seite der Medaille und rückt den Brief in den Mittelpunkt. Es geht nicht mehr darum, wer etwas tut, sondern darum, was mit jemandem oder etwas passiert.
Aktiv (Pa'al): „Ich schreibe den Brief.“
Passiv (Nif'al): „Der Brief wird geschrieben.“
Verwirrend für uns ist es, dass die männliche Gegenwart (Einzahl) und die Er-Form der Vergangenheit exakt gleich aussehen - und auch exakt gleich ausgesprochen werden.
מִכְתָּב נִכְתַּב (michtav nichtav)
Ob der Brief gerade geschrieben wird oder bereits geschrieben wurde, verrät uns kein Punkt und kein Strich. Das verrät uns nur der Zusammenhang:
Liegt der Brief noch auf dem Tisch? Dann wird er wahrscheinlich gerade geschrieben.
Liegt er längst im Briefkasten? Dann wurde er vermutlich schon geschrieben.
Es gibt natürlich wie immer: Richtig, eine Ausnahme! Viele Nif'al-Verben beschreiben nämlich auch eine Zustandsänderung oder Dinge, die einfach passieren.
נִפְגַּשׁ (nifgash) - „sich treffen“
נִכְנַס (nichnas) - „hineingehen / eintreten“
נוֹלַד (nolad) - „geboren werden“
Die Nif'al_Schablone bastelt also aus einer Wurzel ein Verb, was ausdrückt, dass etwas mit jemandem passiert – und das muss nicht immer ein "Passiv" sein.
Lernen wir erstmal die Schablone an sich kennen, die bei vielen Hebräisch-Lernenden chronischen Schüttelfrost verursacht:
Das Nif'al hat eine eigene Vorsilbe: נִ־ (ni-).
Und diese kleine Vorsilbe ist ein Weichspüler: Trifft das Nif'al-"NUN" direkt auf unsere drei Soundwechsler ב, כ, פ, werden sie weich ausgesprochen: פ wird zu f, ב wird zu v und כ wird zu ch.. Daher heißt diese Schablone auch "niF'al" und nicht "niP'al".
Das typische Nif'al-Erkennungszeichen נִ־ (ni-) begegnet uns nur in der Gegenwart und Vergangenheit. In der Zukunft verschwindet es wieder. Wenn du in der Zukunft plötzlich doch ein ni am Wortanfang entdeckst, entspann dich. Das ist die Zukunftsvorsilbe der Wir-Form, zu der wir aber später noch kommen.
Und ja: Im Nif'al treffen manchmal mehrere NUNs aufeinander. Auch das schauen wir uns später in Ruhe an. Für den Anfang reicht eine einzige Merkhilfe:
Stehen am Wortanfang zwei NUNs, handelt es sich um die Wir-Form der Zukunft einer פ״נ-Wurzel, also einer Wurzel, deren erster Buchstabe ein NUN ist. In allen anderen Nif'al-Formen begegnet dir normalerweise nur ein einziges NUN am Wortanfang.
Und hier ist es, unser Nif'al in der Gegenwart:
Jetzt machen wir einen kleinen Sprung. Du ahnst schon, was jetzt kommt: Natürlich gibt es auch im Nif'al wieder eine Ausnahme. Genauer gesagt eine ganz bestimmte Sorte von Wurzeln: „Hallo, ich bin eine Wurzel mit einem NUN am Anfang. Schön, dich kennenzulernen!“ (ganz fieses und hämisches Kichern im Hintergrund)
Genau diese sogenannten פ״נ-Wurzeln verfolgen die meisten Hebräisch-Lernenden selbst nachts im Schlaf. NUN-Träume, absoluter Horror! Die gute Nachricht: Das Chaos ist eigentlich kein Chaos, sondern Hebräische Logik wie aus dem Bilderbuch. Bevor wir uns aber auf das große NUN-Gerangel stürzen, brauchen wir noch ein kleines Werkzeug: die Zukunftsvorsilben. Keine Sorge, die Zukunft behandeln wir später noch ausführlich in einem eigenen Kapitel. Hier holen wir uns lediglich einen ersten Vorgeschmack – gerade genug, um die berühmte NUN-Ausnahme verstehen zu können. Wir lernen die Vorsilben der Zukunft kennen!
Auf der Seite :: 023 Blick zurück: Die Bildung der Vergangenheit hast du gelernt, dass die Personen in der Vergangenheit durch Anhängsel (Suffixe) unterschieden werden. In der Zukunft dreht das Hebräische den Spieß einfach um: Hier stehen die Personenzeichen vorne am Wort. Diese Vorsilben nennt man Präfixe.
Genau wie in der Vergangenheit besitzt jede Person ihr eigenes Erkennungszeichen: Ich, du, er, sie, wir ... Jede Person bekommt in der Zukunft ihr eigenes Präfix. Eigentlich ganz einfach ... und logisch. Vergangenheit ist hinten, Zukunft ist vorne.
Aber natürlich wäre das Hebräische nicht das Hebräische, wenn es dabei bleiben würde. Es gibt nämlich ein kleines Problem: Beide Du-Formen beginnen mit derselben Vorsilbe. Damit man sie unterscheiden kann, bekommt die weibliche Form zusätzlich ein "Jod" als Anhängsel.
Und um Einzahl von der Mehrzahl unterscheiden zu können, werden in der Mehrzahl bei der ihr- und sie-Form je ein "Vav" als Suffix hinten rangeflankt (in der linken Tabelle orange hinterlegt). War es das mit der Zukunft?
Naja, fast. Eine kleine Gemeinheit ist übrig geblieben:
Die Du-Form (männlich) und die Sie-Form (Einzahl) sehen jetzt ebenfalls gleich aus und werden auch gleich ausgesprochen. Dass hier kein zusätzliches Anhängsel hinzugekommen ist, führt noch heute zu echten Beziehungsproblemen mit der Frage, wer sich eigentlich auch mal um den Haushalt kümmern sollte: du oder sie?
Solche Beziehungsprobleme löst entweder der Zusammenhang oder ganz einfach ein Personalpronomen:
אתה תוציא את הזבל (ata tozi et hazevel) - Du wirst den Müll rausbringen!
היא כבר לא תוציא את הזבל (hi kvar lo tozi et hazevel) - Sie wird den Müll NICHT mehr rausbringen.
Plötzlich ist die Sache glasklar. Für uns Männer jedenfalls.
Die Zuknftsformel: Präfix + Wurzel + Suffix = Verb
אכתוב, תכתוב, תכתבי, יכתוב und so weiter.
Wir befinden uns hier ja immer noch im Kapitel "Nif'al". Und wenn du dir die Zukunfts-Tabelle anschaust und an das Nif'al denkst, dann wirst du dich fragen:
"Mooooment mal ... wenn die Wir-Form sowieso mit einem NUN beginnt, was passiert dann eigentlich bei einer Nif'al-Wurzel, die ebenfalls mit NUN anfängt? Und dann kommt das "ni" ja auch noch hinzu? "
Und schon sind wir mitten im Thema! So, nun mache es dir bitte gemütlich, nimm dir eine Tasse Tee und wenn du mental bereit bist und deine innerlichen Chakren auf NUN ausgerichtet hast, klicke auf "Weiter", denn jetzt lernst du das "NUN-Chaos" kennen. (Keine Panik, alles wird gut!)